zu viel im Kopf

weil "Denkarium" schon belegt war

Alltagsrassismus

Wenn man an Rassismus denkt, hat man meistens den „klassischen“ Neo-Nazi vor Augen. Nur echt mit Glatze, Bomberjacke, Springerstiefeln und grimmigem Gesicht. Und natürlich ist er laut am rumpöbeln und gewaltbereit. Mit so jemandem will man natürlich nichts zu tun haben, und man selbst ist ja sowieso generell gegen „rechts“.
Deswegen hört man ja auch so oft „Ich bin ja nicht rechts, aber…“.

Und genau dieses Aber ist das Problem. Jeden Tag aufs Neue. Und wenn ich jedes Mal einen Euro bekäme, wenn ich diesen Satz höre, wäre ich jetzt reich. Aber je öfter man ihn hört, desto mehr wünscht man sich eine Kotztüte statt des Euros.

Wir alle haben schon mal doofe Aussagen gemacht. Aussagen, die irgendwen diskriminiert haben und die in der Hälfte der Fälle als Scherz gemeint war. Das macht die Sache nicht wirklich besser, aber ich will damit sagen, dass sich niemand freisprechen kann. Ich auch nicht. Aber ich habe mich dabei immer etwas schlecht gefühlt, weil ich wusste, dass die Aussage doof und pauschalisierend war. Ich habe sogar die Stimme gesenkt. Egal, was wir sagen, im Normalfall meldet sich unser Gewissen, wenn wir jemanden beleidigen und wir erkennen, dass das, was wir gesagt haben, Mist war. (Auch wenn es uns meistens nicht davon abhält, überhaupt etwas Derartiges zu sagen.)
Doch genau dieses Gewissen ist vielen Leuten heute abhanden gekommen. Sie fühlen sich nicht mehr schlecht, wenn sie Hassparolen vom Stapel lassen. Sie erkennen nicht mal mehr, dass ihre Aussagen überhaupt Hassparolen sind, weil es für sie normale und berechtigte Aussagen sind. Und das ist es, was die Sache so schlimm macht: Das fehlende Unrechtsbewusstsein. Ausgrenzungen, Pauschalisierungen und Beleidigungen gehören fast schon zum guten Ton.
Und es ist nicht das Internet, in dem Leute (meistens im Schutz der Anonymität) herumpöbeln. Nein, es passiert überall. In der Familie, im Job, im Verein. Man muss nur genau hinhören, auch wenn das meistens keinen Spaß macht.

Hier mal ein paar Beispiele der letzten Monate aus meinem engeren Umfeld, an die ich mich noch erinnern kann (es waren zu viele, um mir alle zu merken):

  • Im Radio war die Rede davon, dass immer mehr Flüchtlingskinder ohne ihre Eltern nach Europa kommen. Arbeitskollege: „Na klar, zum Klauen!“
  • Meine Mutter nennt die neue Freundin eines Bekannten „rumänische Schlampe“. Einen Grund dafür gibt es nicht, aber ihre Herkunft reicht wohl aus. Gleichzeitig setzt sich meine Mutter aber stark für Flüchtlinge ein (ich versteh die Doppelmoral auch nicht).
  • Eine Arbeitskollegin hat dem Flüchtlingsheim Kleidung gespendet, sich aber nicht hineingetraut, weil da „so viele schwarze Männer“ standen. Ein Mitarbeiter des Heims musste die Tüten reintragen. Eine andere Kollegin kommentierte das mit „Kann ich verstehen, da hätte ich auch Angst“. Das wäre eine Urangst. Na, wie nett, dass sie den gruseligen Leuten trotzdem was abgibt.
  • Mein Freund hat ein Problem mit Polen, weil er bei eBay zufällig zweimal bei polnischen Händlern auf die Schnauze gefallen ist. Also sind generell alle Polen nicht vertrauenswürdig, online wie offline.
  • Kollege A sucht einen Kindergarten für sein Kind. Die kirchlichen sind belegt, ein städtischer käme infrage. Das möchte er aber nicht, weil da nur „Mustafas“ drauf sind. Kollege B kommentiert mit „ja, lieber nicht, sonst wird der sofort islamisiert“.
  • Wann immer im Radio die Rede davon ist, dass muslimische Extremisten irgendwas getan haben, sagt ein Kollege, es würde „mal wieder Zeit für einen Kreuzzug“.
  • Eine andere Arbeitskollegin, deren eigene Rechtschreibung auch zu wünschen übrig lässt, war auf Autosuche. Jeden Tag beschwerte sie sich darüber, dass die Anzeigen im Internet fast alle von „Ali und Ayse“ wären und in einem katastrophalen Deutsch. Man würde allein an der Schreibweise erkennen, dass derjenige kein Deutscher ist. (Anscheinend kennt sie Rhetorische Perlen von AFD- und NPD-Anhängern noch nicht, dann wüsste sie, wie „richtige Deutsche“ schreiben) An sich wollte sie ja einen Polo (glaub ich) haben, aber da würden zu viele „Kopftuchfrauen“ mit rumfahren, das würde „dem Ruf der Marke“ schädigen. Aber sie ist auch der Meinung, wir hätten in Deutschland nicht mehr genug „arisches Blut“, also ist ihre Meinung eh für’s Klo. Als ich sie darauf hinwies, dass solche Aussagen scheiße sind, wurde ich als „extrem links“ betitelt. Denn es gibt ja nur rechts und links. Muss man wissen.

Viele der Beispiele sind Kleinigkeiten, aber es sind Denkweisen, die ein so fester Bestandteil unserer Gesellschaft geworden sind, dass sie uns gar nicht mehr als negativ auffallen. Im Gegenteil, das läuft ja alles unter „ist doch so“ und „wird man wohl noch sagen dürfen“.
Versteht mich nicht falsch, die meisten, die solche Aussagen treffen, sind weder gewaltbereit noch würden sie NPD wählen. Die meisten sind gute Menschen und setzen sich für Flüchtlinge oder Benachteiligte ein, wenn auch nur für die, die ihnen in den Kram passen. Aber wir müssen uns klar machen, dass Rassismus nicht erst dann anfängt, wenn man Flüchtlingshäuser anzündet. Rassismus ist überall, und wenn wir ihn bekämpfen wollen, müssen wir in unseren eigenen Köpfen anfangen.

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